FAQ

Das von der akademischen Psychologie ausgearbeitete Qualifizierungsmodell sieht vor, im Rahmen von regulären 5-jährigen Bachelor- und Master-Studiengängen alle Qualifikationen zu vermitteln, die zur akademisch-wissenschaftlichen und zur praktischen Ausbildung notwendig sind. Dies ist insbesondere vor folgendem Hintergrund möglich und sinnvoll: Bei Verabschiedung des PsychThG 1999 wurde ein 9-semestriges Diplom-Psychologiestudium vorausgesetzt, das eine einzige Prüfung in Klinischer Psychologie enthalten musste. Die Mehrzahl der angehenden Psychotherapeuten/-innen begann mit diesem Abschluss direkt die klinische Arbeit, meist im stationären Setting. Nun stehen 10 anstatt 9 Semester zur Verfügung, und die Lehrinhalte werden viel stärker auf die Aufgaben Psychologischer Psychotherapeuten/-innen zugeschnitten sein sowie mit entsprechenden Praxisanteilen die therapeutischen Handlungskompetenzen sicherstellen. Hierzu sind in den mit der 5-jährigen Bologna-Struktur kompatiblen Entwürfen des Fakultätentages Psychologie und der DGPs handlungsorientierte Lehrveranstaltungen (z.B. Einübung von Diagnostik und Basis-Interventionstechniken im Rollenspiel) genauso vorgesehen wie die Entwicklung von Handlungskompetenzen im direkten Patientenkontakt bei ambulanten Behandlungen (z.B. im Rahmen von Fallseminaren, diagnostischen Sitzungen, Durchführung eines Gutachtens) und auch im Rahmen von mehrmonatigen (teil-)stationären Praktika. Über einen Leistungskatalog (z.B. Durchführung einer vordefinierten Mindestzahl an diagnostischen Untersuchungen, Patientengesprächen, Teilnahme an Gruppenpsychotherapie etc.) wird im DGPs-Vorschlag ausreichend Praxiserfahrung gewährleistet, wobei der Kompetenzerwerb abschließend zur Sicherstellung des Patientenschutzes noch durch eine praxisorientierte Prüfung unter staatlicher Aufsicht abgeschlossen wird. Dem Ganzen liegt somit ein praxis-integriertes Qualifizierungskonzept zugrunde.

Eine Blaupause der Praktika des Medizin-Studienganges einschließlich eines 1-jährigen Praktischen Jahres oder eines 11. Praxis-Semesters ist weder sinnvoll noch notwendig. In der Medizin wird für eine Vielzahl an Vertiefungsmöglichkeiten ausgebildet (51 Facharzt-Weiterbildungen), so dass auch erste praktische Erfahrungen in vielen verschiedenen Vertiefungsbereichen wünschenswert sind (z.B. Famulaturen, 3 Settings à 4 Monate im praktischen Jahr), bevor in einem Spezialgebiet die Facharztweiterbildung erfolgt. Trotzdem darf eine Ärztin/ein Arzt nach Erhalt der Approbation am Ende des Studiums im Rahmen der nachfolgenden Weiterbildung direkt mit Patienten auch psychotherapeutisch arbeiten, selbst wenn er/sie zuvor keinerlei Patientenkontakt mit der entsprechenden Zielgruppe hatte und keinerlei praxisorientierte psychotherapeutische Lehrveranstaltungen absolvierte. Die zunächst sehr umfangreich wirkenden Praxisphasen des Medizinstudiums sehen also für die einzelnen Teilgebiete der Medizin doch nur geringfügige oder gar keine spezifischen Praxisphasen vor. Trotzdem erhält ein Arzt/eine Ärztin nach dem Studium die Genehmigung zur Berufsausübung in allen Teilgebieten der Heilkunde, was bisher nicht als Gefährdung des Patientenschutzes gesehen wurde. Bei den angehenden Psychologischen Psychotherapeuten/-innen ist ein juristisch vergleichbarer Approbationsbegriff wie im ärztlichen Bereich anzuwenden, der jedoch nur für einen deutlich schmaleren Bereich der Heilkunde qualifiziert. So muss das Medizinstudium die Weiterbildungsreife für 51 Weiterbildungsmöglichkeiten (auch durch praktische Lehrveranstaltungen) herstellen, die psychologische Psychotherapie für zwei: Psychotherapie bei Erwachsenen und Psychotherapie bei Kindern- und Jugendlichen.

Der einschlägige Praxiskontakt im Handlungsfeld „Psychotherapie bei psychisch Kranken“ ist im zukünftigen Masterstudium zur Approbation sowohl durch handlungskompetenzorientierte Lehrveranstaltungen im Studium als auch durch Praktika im Bachelor und im Master ambulant und stationär im Bereich Psychotherapie nach unseren Entwürfen sichergestellt. Nach der Approbation sind dann im Rahmen der Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten ganz analog zur medizinischen Facharztausbildung berufliche Tätigkeiten nur unter Supervision und Fachaufsicht vorgesehen. Der Patientenschutz ist also mindestens vergleichbar zur medizinischen Approbation gesichert.

Weiterhin ist es uns ein essentielles Anliegen, die Integration von Wissenschaft und Praxis für die Psychotherapieausbildung durchgängig zu gewährleisten. Praxisphasen sollten daher nicht isoliert und ohne Rückkoppelung an einen wissenschaftlichen Kontext, quasi als Anhang an ein wissenschaftliches Studium, durchgeführt werden. Lange und vom Setting her detailliert vorgeschriebene Praxisphasen bringen außerdem die Gefahr mit sich, dass insbesondere nicht in allen Regionen genügend Praktikumsplätze vorgehalten werden können und somit „Flaschenhälse“ entstehen. Diese würden zu Studienzeitverlängerungen führen.

Die Ausbildung in Psychologischer Psychotherapie hat sich an den psychologischen Instituten und mit dem Ausbau der Psychotherapeutischen Hochschulambulanzen sowohl im Kinder- und Jugendlichen- als auch im Erwachsenenbereich in den letzten Jahrzehnten exzellent entwickelt. Gerade die Forschungsorientierung und Wissenschaftlichkeit durch die Vermittlung breiter Grundlagen hat sich in der Psychologie als Erfolgsmodell herausgestellt. Auch unter Kostengesichtspunkten birgt die Nutzung der vorhandenen Forschungs- und Lehrstrukturen an psychologischen Instituten vielfältige Vorteile. Eine Ausbildung Psychologischer Psychotherapeutinnen/-en in der Medizin birgt die Gefahr, dass hier aufgrund anderer Fächer- und Personalvoraussetzungen dem notwendigen wissenschaftlichen Be-zug auf psychologische Grundlagen und Methoden nicht genug Raum gegeben werden kann. Zudem müssten hier teure neue Strukturen aufgebaut werden, die für die allermeisten Universitätsstandorte Doppelstrukturen wären, während die Medizin schon mit Finanzierungslücken für ihr ureigenes Fach zu kämpfen hat.

Für die dem Studium mit Approbation folgende Weiterbildung werden zurzeit 3- bis 5jährige Modelle diskutiert (Forderung der Bundespsychotherapeutenkammer: zusätzlich 5 Jahre Weiterbildung nach Abschluss der Approbation am Ende des Studiums). Qualifizierungskonzepte insbesondere der praktischen Handlungskompetenzen müssen deshalb zwingend Stellung nehmen, welche Praxiskompetenzen im Studium zu erwerben sind, und welche in der Weiterbildung. Während Praktika im Studium primär durch den im Vordergrund stehenden Kompetenzerwerb der Studierenden geprägt sein müssen, kann die praktische Arbeit in der Weiterbildung stärker durch Erwerb von vertieften Kompetenzen begleitend zu den im Vordergrund stehenden Dienstleistungen gekennzeichnet sein. Wenig zielführend in einem hierarchischen Konzept praktischer Qualifizierung erscheinen Zeiten unentgeltlicher praktischer Tätigkeit, die primär Dienstleistungscharakter haben und entkoppelt von der Hochschulausbildung stattfinden, aber noch als verpflichtende Studienbestandteile gelten (wie das bisherige „Psychiatriejahr“). Deren Abschaffung war ein wesentliches Anliegen der Reform. Außerdem sollte angedacht werden, wie entsprechend der Forderung des Wissenschaftsrats die Bedeutung akademischer Inhalte auch in der Weiterbildung weiter gesteigert werden kann (z.B. durch Kooperation zwischen Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen). Überzeugende Qualifizierungskonzepte sowohl bezüglich der Praxisphasen als auch bezüglich der akademischen Inhalte im Studium und in der Weiterbildung müssen entsprechend aufeinander abgestimmt sein, wie dies auch von unserer Seite beispielhaft erstellt wurde.

Die Freiheit von Forschung und Lehre ist u.a. dadurch begründet, dass dieser Liberalismus konkurrierende Ideen, dynamische Weiterentwicklungen und zügige Integration neuer Erkenntnisse im Studium gewährleistet. Dadurch werden die gesellschaftlichen Aufgaben der universitären Psychotherapie am besten erreicht: eine kritische Bewertung bestehender Behandlungsangebote, Antworten auf aktuelle und zukünftige Versorgungsfragen zu liefern, verfahrensübergreifende und neue Interventionen zu entwickeln und zeitnah in der Ausbildung zu integrieren.

Für zukunftsfähige Lösungen darf Pluralismus nicht ausschließlich über traditionelle Psychotherapieverfahren („Grundorientierungen“) zum Beispiel durch Strukturvorgaben für Hochschulen definiert werden. Solche Einengungen würden notwendige dynamische Weiterentwicklungen behindern. Auch bezüglich der Praxiserfahrungen in unterschiedlichen Therapieverfahren erscheinen uns strukturelle Vorgaben nicht notwendig: Studierende können sich Praktikumsplätze frei und selbstverantwortlich nach Behandlungsschwerpunkten aussuchen. Wichtig erscheint uns demgegenüber, dass sichergestellt ist, dass alle Studierende (verfahrensspezifische oder verfahrensübergreifende) Basishandlungskompetenzen zur Behandlung von Patientinnen und Patienten beider Altersschwerpunkte erwerben, um somit das Bestmögliche für die Patientensicherheit zu erreichen. Ausbildende Hochschulen sollen im Sinne eines zukunftsorientierten Pluralismus auch den handlungsorientierten Kompetenzerwerb in mindestens 2 Behandlungsansätzen (wissenschaftlich anerkannte Therapieverfahren, -methoden oder psychotherapeutische Neuentwicklungen in Evaluation) ermöglichen, die einem Prinzip „Vielfalt durch Evidenzbasierung“ folgen.

Vergleichbar zu Regelungen für Mediziner soll der Approbationserhalt mit Abschluss des Studiums noch nicht mit einer sozialrechtlichen Zulassung verbunden sein. Diese soll erst im Rahmen einer nachfolgenden fachpsychotherapeutischen Weiterbildung erworben werden soll. Somit können von approbierten Absolventen nach dem Psychotherapiestudium, die noch keine Weiterbildung abgeschlossen haben, keine psychotherapeutischen Leistungen im Rahmen der gesetzlichen und auch nicht der üblichen privaten Krankenversicherungen erbracht werden. Zusätzlich kann der Missbrauch, ähnlich wie in der Medizin, durch weitere Regelungen erschwert und klar geahndet werden (Berufsordnungen der Kammern, Haftungsrecht bei Verpflichtung zur Haftpflichtversicherung u.a.). Die mit der Approbation und Kammermitgliedschaft erworbene Verankerung in einer Berufsordnung hat sich im Bereich der Medizin als ausreichend erwiesen, um systematischem Missbrauch vorzubeugen. Gleiches kann auch für die Psychotherapie erwartet werden.

Unabhängig davon stehen Selbstzahlern derzeit in Deutschland insbesondere über die Heilpraktikerregelung leider noch diverse Möglichkeiten offen, z.T. auch unqualifizierte (psycho-)therapeutische oder medizinische Maßnahmen über sich ergehen zu lassen. Auch wenn dies nicht durch das PsychThG direkt geregelt wird, steht zu hoffen, dass sich an dieser Situation durch verbesserte Regelungen der Aus- und Weiterbildung in Psychologischer Psychotherapie in Zukunft etwas verbessert.

Selbstverständlich kann Kooperation zwischen universitären Disziplinen sehr bereichernd sein, aber dazu sollte sie nicht einseitig, sondern mindestens bidirektional konzipiert werden. Momentan bietet die akademische Psychologie eine für Studierende hochattraktive Spezialisierung in Klinischer Psychologie und Psychotherapie an, die kostengünstig auf die neuen Anforderungen ausgeweitet werden kann, während die sog. P-Fächer in der Medizin (Psychiatrie/Psychosomatik) trotz steigender Studierendenzahlen Nachwuchsprobleme haben. Wenn also über verbesserte Kooperationen nachgedacht wird, sollte dies bidirektional sein und von beiden Fächern aus eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildungssituation psychologischer und ärztlicher Psychotherapeutinnen/-en anstreben. Kooperation sollte in vertrauensvollen Diskussionen bilateral „vor Ort“ entstehen, anstatt einseitig durch politische Gremien vorgegeben zu werden. Doppel- und Konkurrenzstrukturen sollten vermieden werden, wobei die besondere Rolle der Psychologie zu berücksichtigen ist (Wissenschaftsrat: „Psychologie als Mutter-Disziplin der Psychotherapie“).